Bionda dell'Adamello (foto Milone, Archivio RARE 2007)

 

Lokal gezüchtete italienische Gebirgsziegen: die Bionda dell’Adamello

Luigi Andrea Brambilla

Laura Milone

 

Einleitung
Der zootechnische Bereich der Ziegenzucht im italienischen Alpenraum erfreut sich in den letzten Jahren (seit den Neunziger Jahren) eines ständigen Wachstums und Interesses auf verschiedenen Ebenen (in wirtschaftlicher, kultureller und verwaltungsmäßiger Hinsicht). Die Beobachtung dieser Erscheinung, besonders in Anbetracht des wirtschaftlichen Aspektes für die Entstehung neuer Zuchtbetriebe, weckt leider einige Zweifel, die auf die Typologie dieser neuen Betriebe bezogen ist, welche in den meisten Fällen ohne jeglichen Zusammenhang mit ihrer Umgebung entstehen. Die gewählten Rassen gehören zwar den selektierten Rassen an, doch die Fütterung erfolgt häufig durch betriebsfremde Futtermittel. Es handelt sich also vorwiegend um intensive Zuchtformen und weniger um pastorale Viehwirtschaft, obwohl letztere im Verhältnis weitaus verträglicher für die Bergwelt ist und sich erheblich besser zur Anwendung der lokal gezüchteten Ziegenrassen eignet.
Gegenwärtig gibt es im norditalienischen Gebiet 12 offiziell anerkannte, vom Aussterben bedrohte autochthone Ziegenrassen, die durch das Eu-Gesetz (Reg. Ce 1698/2005) geschützt sind, da der Viehbestand unter 10.000 Stück liegt. Valdostana-Ziege (Region Aostatal), Sempione-Ziege - Vallesana-Ziege - Roccaverano-Ziege (Region Piemont), Bionda dell'Adamello-Ziege - Friesische Valtellinese-Ziege - Orobica di Val Gerla-Ziege - Verzaschese-Ziege - Lariana-Ziege (Lombardei), Mochena-Ziege (Autonome Provinz Trient), Passeirer Bergziege (Autonome Provinz Bozen) und die Istriana-Ziege (Region Friaul). Zu diesem bereits sehr interessanten Bestand gesellt sich die gemeine Gebirgsziege, die nicht vom Aussterben bedroht ist (ungefähr 100.000 Stück Vieh) und sich über das gesamte italienische Voralpen- und Alpengebiet erstreckt. Sie ist die Vorfahrin sämtlicher heutigen autochthonen und selektierten Ziegenrassen alpinen Ursprungs und die wichtigste Quelle für die Biodiversität dieser Tierart im Alpenraum.

*Luigi Andrea Brambilla, Experte für Problemkreise im Bezug auf den Schutz der lokalen italienischen Gebirgsziegenrassen, R.A.R.E. (Autochthone, vom Aussterben bedrohte Rassen), Fachmann der Ager (Landwirtschaft und Forschung, Mailand). luigi.brambi@tin.it
Laura Milone, Bezugsperson R.A.R.E. für die Ziegenrasse Bionda dell'Adamello in der Provinz von Trient. www.associazionerare.it, info@associazionerare.it

Die Bionda dell'Adamello

Unter den in letzter Zeit erfolgreichsten Rassen hebt sich die Bionda dell'Adamello für ihre hohe Zuwachsrate (100 Tiere im Jahr 1995, nahezu 4.500 Tiere im Jahr 2007) besonders hervor. Die meisten Züchter und Tiere befinden sich ohne Zweifel in der Valle Camonica (Provinz Brescia, Lombardei), genauer gesagt, in der Valle Saviore (einem der Zugänge zum Adamello-Massiv). Eben in diesem Tal wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts (in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts) mit der Zucht dieser Rasse begonnen, die sich schließlich bis in die angrenzenden Täler ausgedehnt hat. Heute wird die Ziege der Rasse Bionda dell'Adamello nach einem starken Rückgang zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren, der fast zu ihrem Aussterben geführt hat, erneut in vier Provinzen der Lombardei (Brescia, Lecco, Bergamo und Como) sowie in der Provinz Trient gezüchtet.
Die geeignetste und am meisten verbreitete Zuchtform dieser Rasse ist die der traditionellen Schäferei: die Tiere werden von November bis März (Zeit der Trächtigkeit, des Wurfs und der Pflege der Zicklein) in den Ställen, von denen einige noch aus Stein gebaut sind, unten im Tal gehalten. Im Frühjahr und Sommer werden sie auf die Bergweiden geführt, die in besonders günstigen Jahreszeiten sogar bis zu 2.500 Meter über dem Meeresspiegel liegen.
Die wichtigsten ästhetischen Merkmale dieser Rasse sind das Haar und die Fellfarbe. Ersteres muss am gesamten Körper besonders fein und von einer bestimmten Länge sein. Die Fellfarbe dagegen muss hellbraun sein (hierzulande wird es als blond bezeichnet), wobei regelmäßige weiße Scheckungen an Kopf, Beinen, am Hinterteil sowie am Unterbauch vorhanden sein müssen.
Aus dem Zuchtbestand der Bionda dell'Adamello erhält man Milch für die Käseproduktion, aber auch Fleisch aus der Schlachtung der Zicklein und der am Ende ihrer Karriere angelangten erwachsenen Tiere.
Die wichtigsten typischen Käsesorten sind: der Fatulì und der Mascarpì. Der erste Käse wird mittels Räucherung gewonnen, während der zweite ein Ricotta-Käse (Molkekäse) ist. Die durchschnittliche Milchleistung dieser Ziegen liegt bei ungefähr 350 kg und stimmt mit dem pastoralen Zuchtsystem überein.
Erst vor kurzem hat die Veterinärbehörde für Nahrungsmittelsicherheit an der Universität von Mailand eine innovative Forschung der lokalen Ziegenrassen gestartet, um den "kulturellen Wert" der "Bionda dell'Adamello" in ihrem Zuchtgebiet zu ermitteln und verschiedene Interessenbereiche hervorzuheben.
Obwohl der plötzliche Erfolg dieser Rasse große Hoffnung auf eine positive Zukunft erweckt, gibt es dennoch einige Gefahren, die die bis jetzt geleisteten Mühen zunichte machen könnten. Die verblüffende Ähnlichkeit mit der selektierten Schweizer Ziegenrasse Toggenburg, zu der sie allerdings weder ein territoriales, noch ein kulturelles Verhältnis hat, verleitet zahlreiche Züchter zu der fälschlichen Annahme, dass der Einsatz von Zuchttieren dieser ausländischen Rasse der Zucht der Bionda dell'Adamello neue Impulse verleihen könnte. Dabei ist natürlich die Gefahr, die ursprüngliche Identität der autochthonen Rasse zu verlieren, extrem hoch, wobei man nicht vergessen sollte, mit wie viel Mühe diese auch in verwaltungsmäßiger Hinsicht mit der Einrichtung des nationalen Melderegisters erkämpft worden ist. Doch nicht weniger "verheerend" wäre der Versuch, Zuchtmethoden zu verbreiten, die dieser Rasse und dem Gebirgswesen im Allgemeinen nicht gerecht werden (Intensivhaltung). Dies hinter dem Alibi, eine vermehrte Produktion der typischen Käsesorten wie den Fatulì, fördern zu wollen, der bislang in seiner Form der "kulturellen Identität" unantastbar geblieben war. All dies zum angeblichen Vorteil jenes "Fortschritts", der bereits für viele andere zootechnischen Arten dementiert worden ist und der darauf aus ist, jene Zuchtmethoden zu fördern, die in landschaftlicher Hinsicht (künstliche Kontrolle der Zuchtfaktoren: Klima, Ernährung usw.) leichter durchführbar sind. Dies geht jedoch auf Kosten der traditionellen pastoralen Zuchtmethoden, die dabei stark eingeschränkt werden und deren Existenz in immer größere Schwierigkeiten gerät.

 

Verband R.A.R.E. - Autochthone, vom Aussterben bedrohte Rassen

R.A.R.E. ist der erste italienische Verband, der sich für den Schutz, die Wiedererlangung und Aufwertung der vom Aussterben bedrohten, autochthonen Tierbestände und Rassen von zootechnischem Interesse einsetzt. Der im Jahr 2002 gegründete Verband koordiniert und fördert die Erhaltung der Rassen und wertet deren wissenschaftliche, kulturelle, gesellschaftliche und umweltbedingte Rolle auf; er fördert themenbezogene Bildungsprogramme zum Schutz der Artenvielfalt, sammelt und veröffentlicht Informationen über den Zustand jener Rassen, die von besonderem zootechnischem Interesse sind.
Das Ziel von R.A.R.E. ist es, in Italien zum Anhaltspunkt für Jene zu werden, die um den Schutz der tierischen Biodiversität bemüht sind.
Sämtliche Informationen über den Verband, die Rassen und Pläne sind auf der Webseite www.associazionerare.it abrufbar.

 

(1) Capra Alpina Comune - Valle Ossola (foto Brambilla, Archivio RARE 2005)

(2) Capra Sempione - Valle Antigorio (foto Brambilla, Archivio Ager 2008)

(3) Gregge di capre Bionda dell'Adamello (foto Brambilla, Archivio RARE 2007)

(4) Castagneto (foto Milone, Archivio RARE 2006)

 

 

 

 

 

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