NUMMER 11

     

DIE DOLOMITEN: NATURERBE ODER BAUERBE?

Sonia Sbolzani

 

 

Die UNO hat das Jahr 2011 zum internationalen Jahr der Wälder erklärt. Um so betroffener macht es da, dass im Herzen der Dolomiten, einem der schönsten Gebirge der Welt, das zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt und bisher als Vorbild für nachhaltige Entwicklung galt, nun Tausende Bäume gefällt werden sollen, um Platz zu schaffen für neue Seilbahnen, Straßen, Bauprojekte und alles, was Profit bringt. Neuerdings liest man auch in den nationalen Zeitungen immer wieder Berichte und Kommentare über die erbitterten "Kämpfe" zwischen Umweltschützern und der öffentlichen Hand in Südtirol, die einen im Interesse des Naturschutzes, die anderen im Interesse der touristischen Vermarktung.
Wir haben mit dem bekannten Gastwirt und engagierten Naturschützer aus Corvara, Michil Costa, gesprochen und ihn gefragt, wie er die Situation einschätzt.

Herr Costa, werden die Warnungen, die aus den Dolomiten kommen, auf nationaler Ebene zu wenig wahrgenommen?
Ich glaube, unsere Lage ist ernster als die der Dolomiten. Wir wollen ständig neue und großartige Siedlungen. "Kubatur" heißt das Zauberwort. Dabei vergessen wir, wie schön diese alten Siedlungsanlagen waren. Ich denke da an die typischen ladiner Häuser, die Pilzhäuser im Gadertal mit ihren fünfhundert Jahre alten Scheunen, das sind echte Beispiele für dieses alte Design, was die Funktionalität angeht. Was ich befürchte, ist die "Senfterisierung" Südtirols (Senfter ist der berühmte Speckproduzent, der die neue Skitrasse in Sexten finanziert). Damit laufen wir Gefahr, unsere Geschichte zu verlieren und zu einer Parodie unserer selbst zu werden. Kennen Sie die großen Casinos in Las Vegas? Wir sind auf dem Weg, wie The Venice zu werden, das Casino, das durch seine Nachbildung von Venedig bekannt geworden ist. Dort hat es wenigstens einen Sinn, sie haben ein kleines Venedig mitten in der Wüste aufgebaut. Hier aber sind wir wirklich, wir haben eine echte Geschichte und unsere Traditionen, wir können nicht zur touristischen Nachahmung unserer selbst werden! Das ist ein Abstieg. Die ganzen Scheußlichkeiten, diese Gefühllosigkeit! Die ganze Licht- und Lärmbelästigung! Eigentlich dürften die Dolomiten nicht einmal von diesen Unmassen von Linienfliegern überquert werden, die mit ihrem weißen Rauch die Sonne vernebeln. Auf den Almen herrscht ein pornoalpiner Tourismus mit Hotels, die entweder monströs oder grauenvoll kitschig sind. Und in Südtirol wird weiter gebaut, aber nicht, weil es gescheite Ideen zu verwirklichen gibt, sondern um weniger Steuern zu zahlen und weil die Subventionen fließen. Man müsste die Ideen subventionieren und nicht die Kubikmeter Zement.

Sie haben sich vehement gegen die Straße durch den Wald im Antersasc-Tal eingesetzt und die Strategie des Zubetonierens als "Antersasc-Methode" bezeichnet. Welche Gegenden in den Dolomiten sind dadurch Ihrer Meinung nach besonders bedroht?
Sicherlich die Gebiete mit hoher touristischer Dichte. Wenn das Verhältnis zwischen Übernachtungszahlen und Anwohnern völlig aus dem Gleichgewicht gerät, gehen wichtige soziokulturelle Grundlagen verloren. Die Kinder wachsen mit Werten auf, die sehr anders sind als die in ihrem eigentlichen Umfeld. Nur indem wir uns der Authentizität dieser Orte, unserer Kultur und unserer Sprache bewusst werden, können wir das Gleichgewicht wiederherstellen und im Einklang mit unserer Umgebung weiterleben. Aber auch die besonders unberührten Gegenden sind gefährdet. Hier besteht die Gefahr, dass sie sich um so eiliger dem Bauboom anschließen oder aber, dass eine Landflucht einsetzt: die Ballungsräume in der Talsohle werden ausgebaut, die Randgebiete veröden, die traditionellen Betriebe geben auf, die Lebensstile werden vereinheitlicht.
Trotz alledem muss ich sagen, dass der Tourismus mir, meiner Familie und vielen weiteren tüchtigen Gastwirten hier im Gadertal und in ganz Südtirol Wohlstand gebracht hat. Ich arbeite und setzte mich dafür ein, dass dieser Wohlstand weiter bestehen kann, ich will nicht für einen bigotten Konservativen gehalten werden. Ich finde, ich habe eine moderne Vorstellung von Fortschritt. Und ich glaube, dass eine Fortschrittsidee, die sich nur aufs Zubetonieren beschränkt, ein Konzept der 50er Jahre ist. In bin überzeugt, dass das auch unserer Wirtschaft nicht gut tut. Ob die Touristen Südtirol immer noch lieben werden, wenn hier alles zugepflastert ist? Die touristische Monokultur richtet enorme Schäden an.

Einer ihrer letzten "Kampfplätze" war die Aufteilung des Nationalparks Stilfser Joch, dessen Verwaltung vom Staat auf die Landesregierungen der Lombardei, des Trentino und Bozens übergeht. Welche Risiken bestehen für den 135 Hektar großen Nationalpark?
Das, was ich Fortschrittswahn nenne. Ich meine damit: dass nur das getan wird, womit man in möglichst wenig Zeit möglichst viel Geld verdienen kann. Die größte Beschränkung des Fortschrittswahns ist das Fehlen jeglicher Planung. Zukunftsvisionen kommen hier nicht vor. Das Rennen wird eröffnet, die Konzessionen verteilt – wir machen alles, was Geld bringt. Und zwar sofort. Mein Beispiel für den Fortschrittswahn ist immer Valfurva und das Schlachtfeld, das die alpinen Skiweltmeisterschaften 2005 dort hinterlassen habe, was damals auch zu Sanktionen durch die EU geführt hat.

Sie haben auch dem Projekt zum Bau neuer Liftanlagen im Hochpustertal den Krieg erklärt. Inwiefern ist die Umwelt davon betroffen?
Die neuen Anlagen kosten zwischen 25 und 30 Millionen Euro und bringen die Abholzung von 25 Hektar Fichten- und Lärchenwald mit sich. Ich frage mich wirklich, ob wir das Südtirol der Dolomiten oder der Bauwerke sind. Ich frage mich, ob die Leute wegen der Landschaft hierher kommen oder um Eisenträger, Kabel, Gondeln und riesige knallgelbe Kanonen zwischen den Krokussen zu sehen. Die Fördergesellschaft dieses Projekts ist die Sesto Dolomiti unter dem Vorsitz von Franz Senfter, einem der bekanntesten Unternehmer Südtirols. Durch dieses Projekt erhoffen sich die Gastwirte neue Kunden und die Bauern erhalten das Fünffache des Marktwertes für ihr Land. Dass die Bauern hier mit Geld gekauft werden, bedaure ich sehr. Das ist ein Angriff auf unser Land, auf die Grundlagen unserer Kultur, denn der Bauer ist ein wesentlicher Faktor im System Südtirol. Eine der wichtigsten Figuren in unserer Kultur ist nicht zufällig der Saltner, der Beschützer der Erde und derer, die sie bearbeiten. Was sollen wir unseren Gästen dann anbieten: Tiefkühlgemüse und eingeschweißten Speck? Ganz zu schweigen von dem kürzlich in Mailand geschlossenen Abkommen zwischen dem Landeshauptmann der Autonomen Provinz Bozen, Durnwalder, und dem Minister Calderoli, nach dem Bozen jährlich 40 Millionen Euro an die angrenzenden Provinzen abzugeben hat. In diesem Fall wird Durnwalder die Gelegenheit nutzen, seinem Freund Senfter einen schönen Zuschuss für seine touristischen Projekte in Comelico Superiore zukommen zu lassen.

Seit einiger Zeit fordern Sie, dass die Dolomitenpässe im Sommer wenigstens zeitweise geschlossen werden, um die Umweltbelastung zu verringern. Warum ist es so schwierig, diese Forderung durchzusetzen?
Ach, wenn ich das wüsste! Vielleicht sollten wir einmal nachsehen, wie die Schweizer das regeln! Es wäre nicht das erste Mal, dass ich die Schweiz zum Beispiel nehme, denn sie ist unser Nachbarland und in manchen Gebieten wird sogar ladinisch gesprochen, das gefällt mir. Dort wird man nicht gerade zum Autofahren ermutigt und manche Ortschaften und Dörfer sind mit dem Auto überhaupt nicht zu erreichen, ich denke da an Mürren oder Saas Fee, ganz zauberhafte Orte. Ich denke an die Vergünstigungen, die Touristen dort für die Bahn und die öffentlichen Verkehrsmittel erhalten. Bei uns dagegen – bei allem Respekt vor den Motorradfahrern – wäre es mir lieber, wenn wir das Paradies der Radfahrer und nicht das der Motorradfahrer wären. Fragen Sie mal einen Bergführer, warum sie nicht mehr auf die Sellatürme klettern: sie können sich mit den Wanderern nicht mehr verständigen wegen des Motodroms einige Hundert Meter weiter unten. Ein wunderbares Beispiel ist die Maratona dles Dolomites, an der 9.000 Radfahrer teilgenommen haben, bei 28.000 Anmeldungen! Wenn wir unsere Passstraßen zum Radfahrerparadies machen, haben alle etwas davon, die Hüttenwirte und die Umwelt!
Ich lade alle Leser ein, nach Corvara zu kommen. Wir haben eine schöne breite Straße, auf der die Autos mit 80 km/h durch den Ort brettern. Bis zum letzten Jahr war die Straße im Sommer Fußgängerzone. Das hat der Bürgermeister nun aufgehoben. Da werden sich die Mütter freuen, wenn ihre Kinder am Klettersteig laufen lernen, weil man im Ort nicht mehr zu Fuß gehen kann!

Sie verweisen immer wieder darauf "Kulturarbeit zu machen", "in den Alpen zu lernen", "Ästhetik zu lehren". Wie lässt sich das konkret umsetzen?
Was das "Lernen in den Alpen" angeht, möchte ich ohne falsche Bescheidenheit auf etwas hinweisen: einen Großteil davon übernehmen wir Gastwirte. Hier im Gadertal und in vielen anderen Gegenden Südtirols verfügen die Hotels über ausgezeichnete Mitarbeiter, die Bergführer nämlich, ausgebildetes Personal, das die Gäste auf mehr oder weniger anspruchsvolle Wanderungen begleitet. Diese Leute sind die besten Lehrer. Sie lieben die Natur und geben ihren Respekt und ihre Begeisterung für diese Plätze an die Gäste weiter. Man muss in den Schulen anfangen. Man muss vom Wert der Stille und des Zuhörens sprechen, wichtige Dimensionen, die es in der Freizeit zu gewinnen gilt, um sie wieder in den Alltag hinein zu bringen. Seit Jahren spreche ich außerdem von einem Ästhetikbeauftragten.
Was noch einmal die Kultur angeht, bin ich nicht einverstanden mit Messners Argument, mit dem er neue Bauwerke rechtfertigt. Er geht von einer Voraussetzung aus, die zwar einer historischen Logik folgt und kulturell begründet ist: grundsätzlich können die Gebiete und Anhöhen, wo wir wissen, dass sie seit jeher von Menschen bewohnt sind, sowie die Gebiete, die bewohnt gewesen sein könnten (in der Regel bis zu den Felsen), auch heute von Menschen bewohnt werden, schließlich ist das Teil der historischen Tradition. Aber eines wird hier vergessen: der Umwelteinfluss der Menschen war zu früherer Zeit unendlich viel geringer. Ich wüsste nicht, dass die Menschen im Mittelalter oder auch noch im 19. Jahrhundert in dieser Gegend in Betonklötzen mit Whirlpool und Golfplatz gelebt hätten. Aber vielleicht entdeckt noch jemand, dass Ötzi Golf spielte und einen Cayenne fuhr ...

Stellen Sie sich vor, sie wären ab morgen Landeshauptmann der Provinz Bozen, welche Maßnahmen würden Sie als erstes umsetzen?
Ich bin nicht grundsätzlich ein Gegner von Durnwalder und ich weiß seine Verdienste zu schätzen. Abgesehen davon, ist den europäischen Demokratien niemand so lange im Amt wie unserer Landeshauptmann. In Italien gibt es vielleicht Amtszeiten von zwanzig Jahren, aber in Deutschland, Österreich, England, Frankreich und in den skandinavischen Ländern kommt das nicht vor. Man muss also wissen, für welches politische Modell Durnwalder steht. Was allerdings das Umweltthema angeht ... Um Ihre Frage zu beantworten: als erstes würde ich zurücktreten. Noch vorher würde ich allerdings fähige Leute bitten, das miserable Raumordnungsgesetz, das wir hier haben, zu überarbeiten.

 
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